Fragen-Glossar, Stand 12.12. 2018

 

#Alltag  Ist dieser schwierigste Begriff der Kulturanthropologie nicht zugleich die große Leerstelle des politischen In-der-Welt-Seins, indem der Alltag nicht nur das Zentrum der Unanschaulichkeit, sondern potenziell eine in Gewohnheit umschlagende Grenzsituation1 ist? Sind die „Blasen“, die den digitalen sozialen Medien zur Last gelegt werden, nicht in diesem Alltag bereits da und gerade deshalb so voll von unerwünschter Willfährigkeit und blindem und emotionalem Ausdruck, das ständige Pogrom2 avant la lettre?
1.  Eine Feststellung von Agamben (2003, 42) in der Diskussion, wie Normalsituation und Ausnahmezustand sich zu einander verhalten.
2.  Ein Beispiel nicht aus Europa, dafür weniger in der Tiefer der Geschichte vergraben, sind die Gujarat Riots von 2002, eine planvolle „mittelständische“ Rache; siehe Varadarajan (2002) und Nussbaum (2007, 17ff.).

#Angst, #Ablehnung, #das Fremde  Die Frage ist auf einem Sitzplatz im öffentlichen Linienbus mit schwarzer Farbe geschrieben: „Was würdest du tun, wenn du keine Angst hättest?“ – Wichtiger noch: Was machst du mit der Angst, die du hast? Wie findet Auseinandersetzung mit Angst statt? Ist Abstiegsangst die Mutter aller Probleme?

#Ausnahmezustand  Können die gegen die Verfassungsstaatlichkeit gerichteten Ideen von »Aufräumen« und »gemäßigter Diktatur« als naives Mitläufertum einer Normalisierung des Ausnahmezustands gelesen werden?

#Autonom Gefahrenwerden  Ist das große Versprechen des sogenannten »autonomen Fahrens« nicht faktisch ein Gefahrenwerden, dessen Autonomie, den bewegten Menschen aus der Hand genommen, zu der der herrschenden Konzerne wird? Könnte es sein, dass ein solches Gefahrenwerden letztlich auch das Ende der freien Mobilität, der kreativen Bewegungen, der Umwege, zugunsten der effizienten Bewegungen der Ziele, einläutet?

#Bewegung  Wo trifft sich die kapitalistische Steigerungsideologie mit den zahlreichen Opfern ihrer Beschleunigung mit der Bewegungsstrategie totalitärer Herrschaft? Lassen sich Arendts »Bewegungsgesetze« (1986, 950f.) damit in Verbindung bringen, die das Verständnis von gesetztem Recht (und damit allen Arten von Würde) unterlaufen, wie überhaupt Bewegung als Eigenheit totalitärer Herrschaft dasteht?

#Bildung  Sollten wir uns in Zeiten wie diesen nicht bilden, weil wir unsere ganze Intelligenz brauchen werden? «Istruitevi, perché avremo bisogno di tutta la nostra intelligenza. Agitatevi, perché avremo bisogno di tutto il nostro entusiasmo. Organizzatevi, perché avremo bisogno di tutta la nostra forza». (Gramsci 1919, 1.) Foto aus Ilartzi/Ghilarza <40.12392 N, 8.83783 E>

#Biopolitik  Könnte der Begriff der »Durchimpfung« Anzeichen für die Herrschaft eines medizinischen Kartesianismus im Interesse der Populationskontrolle sein? Eine andere Form der Schädlingsbekämpfung1 des Faschismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts?
1.  Arendt 1986, 666, Fußnote 15: »Dass die Vernichtungsmaschine der Nazis auch vor dem deutschen Volk nicht haltgemacht hätte, geht unter anderem aus dem von Hitler selbst geplanten Reichsgesundheitsgesetz hervor, in dem er vorschlägt, alle Familien, in denen sich Herz- oder Lungenkranke befinden, von der Bevölkerung abzusondern, wobei natürlich die Ausmerzung dann der nächste Schritt gewesen wäre.«

#Bürgerkrieg  Wer muss Chat-Zeilen wie »Es ist an der Zeit, nicht nur Worte sprechen zu lassen, sondern auch Taten«1 ernstnehmen – und wie? Reicht das Misstrauen der Staatsgewalt gegenüber, deren gelegentliche Konnivenz mit der Subversion weder widerlegt noch bestätigt werden kann, um bürgerschaftliches Tätigwerden zu begründen – »bürger-schaftlich« wie im Wort »Bürger-Krieg«, das gerade die Proponenten der Umsturzfantasien verwenden?
1.  Holger Schmidt, ‘”Revolution Chemnitz”: Bürgerkrieg im Chat geplant’, tagesschau.de 2.10.2018, <https://www.tagesschau.de/inland/chatprotokoll-chemnitz-101.html> [accessed 2018-10-02]

#Falschinformation  Sie setzt nicht eigentlich die Vorstellung der Richtigkeit voraus, sondern der Eindeutigkeit. Das Medium – gesprochenes oder geschriebenes Wort, Bild – spielt dabei die entscheidende Rolle, die „das Buch“ in Litteralismus und Fundamentalismus spielt und politisch korrektes Verhalten anleitet. Ironie und andere Tropen werden nicht mehr als Stilmittel, sondern als Akt der Verfälschung mit der Absicht des Betrugs erkannt.

#Fanatismus  Erzeugt erst Erfolglosigkeit eine fanatische Einstellung, oder reichen schon die Abstiegsängste einer nur das Aufsteigen gewohnten (z.B. Mittel-) Klasse für die Fanatisierung?

#Faszination  Warum ist offenes Lügen möglich und fasziniert? Geht Faszination zwingend von einem charismatischen Führer (warum in der Geschichte selten eine Frau?) aus?

#Gewalt  Wieso bleiben so viele Aufrufe zur Gewalt unkommentiert? Was kann man mit Schriftzügen wie „Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen“ oder „Refugees welcome  raus“ an Universitätsgebäuden anfangen? 

#Hegemonie  Wann wird ein Diskurs so attraktiv und faszinierend, dass er hegemoniale Diskurse aufbricht? [Frage an den Anfang gesetzt] Ein hegemonialer Diskurs beansprucht „Allgemeingültigkeit und Alternativlosigkeit und demonstriert durch das sinnhafte Präsenthalten eines Außens […] seine eigene Kontingenz und Partikularität.“ Allerdings kann gerade das „sinnhaft präsent gehaltene Außen“ für Instabilität zwischen diesem Innen und Außen sorgen, weil es auch zur Quelle für Faszination und Attraktivität werden kann. (Reckwitz 2006, 345)

#Heimat  Warum ist der Begriff der Heimat, der, ernstgenommen, doch den Nationalstaat so unmittelbar bedrohen würde, im Aufschwung?

#Identitätsbegriff  Dürfen wir angesichts des offensichtlichen Missbrauchs der Vokabel „Identität“ von den Phänomenen, die wir damit meinen, noch anders als mit dem Wort Identitätsbegriff sprechen? Könnten wir, ohne zwingend der philosophischen Logik (Günther 1979, 9) zu folgen, von Gegenidentität oder alternativer Identität sprechen? Hat die Kulturanthropologie mit ihrem sorglosen Gebrauch von „Identität“ ohne einen dialektischen Begriff von „Alterität“ die aktuell sich abspielenden politischen Auseinandersetzungen verschlafen? Kann es in einem Feld von so stark und willkürlich instrumentalisierten Begriffswörtern überhaupt so etwas wie eine epistemische Aufholjagd geben, die eine eingreifende Wissenschaft noch legitimieren würde?

#Kavaliersdelikt  Wann wird was als „Kavaliersdelikt“ bezeichnet? Wann wird eine unerlaubte und damit strafbare Handlung zu einem tolerierten Verstoß? Wessen Rechte werden dadurch in Frage gestellt? 

#Lüge, #Propaganda  Kann die Durchsetzung der Lüge als Erzählung einer Utopie getarnt werden? Oder fehlen gegenwärtig utopische Entwürfe, deren (Un)Machbarkeit herbeifantasiert, sprich -gelogen werden könnte? Haben das in praktischer Hinsicht völlig sinnlose Projekt einer bemannten Marsfahrt oder die Fantasien über Exoplaneten eine solche Funktion übernommen?

#Masse #Mob  Wer ist die heutige Masse – der politisch Abstinenten, der parteipolitisch Enttäuschten, der Prekarisierten ohne Zeit für bürgerliche Aktivitäten, der Hipster, der pragmatischen Korruptionskriminellen – die zur totalitären Selbstzüchtigung verführt werden könnte? Hilft Arendts Unterscheidung von Mob/Pöbel und Masse in der Beobachtung von Alltags- und Mediensituationen der Gegenwart? Wer ist es, der Mobbing betreibt, Schulkinder und Arbeitskollegen, Anonyme im Netz; und sie diese alle Pöbel im alten Sinne?

#Mittelstand  Könnte man, im Anschluss an #Masse und #Mob, die gewalttätigen Dezember-Proteste der gilets jaunes in Frankreich als Produkte einer Mittelstandswut sehen? (Hammann 2017-2) Ganz offensichtlich ist die Treibstoffsteuer nur der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt eine gewalttägige doléance in Form einer modernen jacquerie, Bauernkrieg ohne Bauern? Ist der Mob heute ein prekarisiertes Spießertum, das sich in seiner Not nur noch von Feinden umstellt sieht, unter diesen die Behörden des eigenen Staates? Getrieben von einem missratenen #Alltag? Haben auch die Reichsbürgerfantasien mit solchen Bewegungen etwas zu tun?

#Öffentlicher Raum  Gefährden die substanzialistische Vorstellung des »öffentlichen Raumes« (nach der dieser einfach ›da‹ ist und dem Lebensstil entsprechende zur Auswahl steht) oder die instrumentale (nach der dieser dem Zugang zum Konsum und damit dem privaten Wirtschaften zu dienen habe) den öffentlichen Raum als politische zwischenmenschliche Konstante?

#Pseudowissenschaftlichkeit  Kann man sagen, der propagandistische Einsatz von Wissenschaft reiche von der Verbrämung mit unüberprüfbaren »repräsentativen« Belegen bis zum reinen Substanzialismus (zum Beispiel von Blut und Boden)? In den Lebenswissenschaften (siehe Biopolitik) und den Kulturwissenschaften ist das Mitspielen der Wissenschaftlerinnen selbst erforderlich und sind kritische Horizonte unerwünscht.

#Referenzlosigkeit  Nicht nur in studentischen Arbeiten in der Lehre zeugen Referenzen wie „Kant 2018“ oder kontextlosen Hyperlinks von einer gewissen Wurzellosigkeit des Geistes. Sowohl in der entstehenden modularen Wissenschaft als auch in den fundamentalistischen Denksystemen breitet sich eine Art von Geschichtslosigkeit aus, die universalistische und totalitaristische Klassifizierungen fördert.

#Sicherheit, #Kontrolle  Wieso vertrauen Menschen ihre Sicherheit so gerne (unsichtbaren) anderen an? Und wieso verwechseln sie Schutz mit Kontrolle, eigentlich unkontrollierter Kontrolle?

#Statistik  Muss man Statistiken gar nicht erst fälschen, um das richtige Leben im falschen zu verunmöglichen? Reicht nicht eine autoritative Definition, um uns alle zu Ausländern zu erklären, indem eine einzige Generation in der Aszendenz als stigmatisierendes Merkmal beigezogen wird (Hamman 2017-1)? Oder indem durch die Wahl der Trennlinie zwischen Hautfarben Zukunftsängste geschürt werden (Edsall 2018)? Hat die Kulturanthropologie den Augenblick verpasst, in dem Statistik und Soziologie den #Identitätsbegriff quantifizierend unterlaufen beziehungsweise neu gefüllt haben?

#Totalitarismus  Arendt (1986, 663ff.) legt die Schwelle für die historische Bestimmung des Totalitarismus hoch und benützt dazu das Kriterium der Größe der Bevölkerung der Territorialstaaten. Ist es denkbar, dass in der globalisierten Welt einzelne Lebens- oder Handlungsbereiche schon lange diese Schwelle übertreffen und potenziell die Masse für totalitäre Strukturen bieten? Ist es möglich, dass diese übersehen werden, weil sie feste Bestandteile unserer Alltagskultur sind?

#Ungenügen  Könnte eine humanistische Gesellschaft, die die Menschenwürde ernst nimmt, das typische Gefühl des Nicht-Genügens aufheben, das die neoliberale Gesellschaft erzeugt und am Leben erhält? Wir können wir dem wirtschaftsreligiösen Bereich entkommen, der bewirkt, dass wir uns als Mangelwesen vorkommen? Und: Wozu führt die ständige Konstruktion von Mangel im Überfluss? 

#Utopie  Wie kann die Utopie hier und jetzt sein und stattfinden, ohne dass jemand sie sieht, ergreift und mitträgt? Wir können wir Utopie als etwas Anderes als eine in die Zukunft aufgeschobene Wirklichkeit auffassen?

#Verantwortung  Welche Rolle spielt Verantwortung in einer Gesellschaft mit konstanter Überforderung? 

#Verständigung, #Verständnis  Welche Möglichkeiten der Verständigung führen zu Verständnis statt einfach zu „Wissen“? Welche eignen wir uns aktiv an und welche nicht? Wofür wird Verständnis gezeigt und wofür wird sie gefordert? 

#Werte  Wie verhalten sich Werte und Würde zueinander? Es wird viel über Werte gesprochen, aber selten über den ihnen zugrundeliegenden Wert, die unverhandelbare Würde jedes einzelnen Menschen. Wer nimmt und gesteht Wert zu? Welche Rolle spielen Rechte, deren mögliche Nicht-Gewährung stillschweigend zu einem „Kavaliersdelikt“ heruntergestuft wird? 

#Wende  Was geht in einem Menschen vor, der sein Auto unterwegs auf einer richtungsgetrennten Schnellstraße wendet und unter Lebensgefahr und Gefährdung des Lebens anderer dem Verkehr entgegenrast? Wieviel ist das Argument wert, beim autonomen Fahren würde so etwas nicht mehr vorkommen? Was ginge in einem AI-Fahrassistent vor, der (oder die?) dasselbe täte?

#Zeitgeist  Die Praxis des Alltags ist von einer Versunkenheit geprägt, der dem Begriff des Zeitgeists nahekommt. Könnte es sein, dass der Zeitgeist eine betäubte Form der Wachsamkeit ist, oder ist er deren Gegenteil, das eingeschläferte Bewusstsein?