Fragen-Glossar, Stand 2018-10-07

 

#Alltag: Ist dieser schwierigste Begriff der Kulturanthropologie nicht zugleich die große Leerstelle des politischen In-der-Welt-Seins, indem der Alltag nicht nur das Zentrum der Unanschaulichkeit, sondern potenziell eine in Gewohnheit umschlagende Grenzsituation1 ist? Sind die „Blasen“, die den digitalen sozialen Medien zur Last gelegt werden, nicht in diesem Alltag bereits da und gerade deshalb so voll von unerwünschter Willfährigkeit und blindem und emotionalen Ausdruck, das ständige Pogrom2 avant la lettre?
1.  Eine Feststellung von Agamben (2003, 42) in der Diskussion, wie Normalsituation und Ausnahmezustand sich zu einander verhalten.
2.  Ein Beispiel nicht aus Europa, dafür weniger in der Tiefer der Geschichte vergraben, sind die Gujarat Riots von 2002, eine planvolle „mittelständische“ Rache; siehe Varadarajan (2002) und Nussbaum (2007, 17ff.).

#Ausnahmezustand: Können die gegen die Verfassungsstaatlichkeit gerichteten Ideen von »Aufräumen« und »gemäßigter Diktatur« als naives Mitläufertum einer Normalisierung des Ausnahmezustands gelesen werden?

#Autonom Gefahrenwerden: Ist das große Versprechen des sogenannten »autonomen Fahrens« nicht faktisch ein Gefahrenwerden, dessen Autonomie, den bewegten Menschen aus der Hand genommen, zu der der herrschenden Konzerne wird? Könnte es sein, dass ein solches Gefahrenwerden letztlich auch das Ende der freien Mobilität, der kreativen Bewegungen, der Umwege, zugunsten der effizienten Bewegungen der Ziele, einläutet?

#Bewegung: Wo trifft sich die kapitalistische Steigerungsideologie mit den zahlreichen Opfern ihrer Beschleunigung mit der Bewegungsstrategie totalitärer Herrschaft? Lassen sich Arendts »Bewegungsgesetze« (1986, 950f.) damit in Verbindung bringen, die das Verständnis von gesetztem Recht (und damit allen Arten von Würde) unterlaufen, wie überhaupt Bewegung als Eigenheit totalitärer Herrschaft dasteht?

#Biopolitik: Könnte der Begriff der »Durchimpfung« Anzeichen für die Herrschaft eines medizinischen Kartesianismus im Interesse der Populationskontrolle sein? Eine andere Form der Schädlingsbekämpfung1 des Faschismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts?
1.  Arendt 1986, 666, Fußnote 15: »Dass die Vernichtungsmaschine der Nazis auch vor dem deutschen Volk nicht haltgemacht hätte, geht unter anderem aus dem von Hitler selbst geplanten Reichsgesundheitsgesetz hervor, in dem er vorschlägt, alle Familien, in denen sich Herz- oder Lungenkranke befinden, von der Bevölkerung abzusondern, wobei natürlich die Ausmerzung dann der nächste Schritt gewesen wäre.«

#Bürgerkrieg: Wer muss Chat-Zeilen wie »Es ist an der Zeit, nicht nur Worte sprechen zu lassen, sondern auch Taten«1 ernstnehmen – und wie? Reicht das Misstrauen der Staatsgewalt gegenüber, deren gelegentliche Konnivenz mit der Subversion weder widerlegt noch bestätigt werden kann, um bürgerschaftliches Tätigwerden zu begründen – »bürger-schaftlich« wie im Wort »Bürger-Krieg«, das gerade die Proponenten der Umsturzfantasien verwenden?
1.  Holger Schmidt, ‘”Revolution Chemnitz”: Bürgerkrieg im Chat geplant’, tagesschau.de 2.10.2018, <https://www.tagesschau.de/inland/chatprotokoll-chemnitz-101.html> [accessed 2018-10-02]

#Falschinformation: Sie setzt nicht eigentlich die Vorstellung der Richtigkeit voraus, sondern der Eindeutigkeit. Das Medium – gesprochenes oder geschriebenes Wort, Bild – spielt dabei die entscheidende Rolle, die „das Buch“ in Litteralismus und Fundamentalismus spielt und politisch korrektes Verhalten anleitet. Ironie und andere Tropen werden nicht mehr als Stilmittel, sondern als Akt der Verfälschung mit der Absicht des Betrugs erkannt.

#Fanatismus: Erzeugt erst Erfolglosigkeit eine fanatische Einstellung, oder reichen schon die Abstiegsängste einer nur das Aufsteigen gewohnten (z.B. Mittel-) Klasse für die Fanatisierung?

#Faszination: Warum ist offenes Lügen möglich und fasziniert? Geht Faszination zwingend von einem charismatischen Führer (warum in der Geschichte selten eine Frau?) aus?

#Heimat: Warum ist der Begriff der Heimat, der, ernstgenommen, doch den Nationalstaat so unmittelbar bedrohen würde, im Aufschwung?

#Lüge, #Propaganda: Kann die Durchsetzung der Lüge als Erzählung einer Utopie getarnt werden? Oder fehlen gegenwärtig utopische Entwürfe, deren (Un)Machbarkeit herbeifantasiert, sprich -gelogen werden könnte? Haben das in praktischer Hinsicht völlig sinnlose Projekt einer bemannten Marsfahrt oder die Fantasien über Exoplaneten eine solche Funktion übernommen?

#Masse: Wer ist die heutige Masse – der politisch Abstinenten, der parteipolitisch Enttäuschten, der Prekarisierten ohne Zeit für bürgerliche Aktivitäten, der Hipster, der pragmatischen Korruptionskriminellen – die zur totalitären Selbstzüchtigung verführt werden könnte? Hilft Arendts Unterscheidung von Mob/Pöbel und Masse in der Beobachtung von Alltags- und Mediensituationen der Gegenwart?

#Öffentlicher Raum: Gefährden die substanzialistische Vorstellung des »öffentlichen Raumes« (nach der dieser einfach ›da‹ ist und dem Lebensstil entsprechende zur Auswahl steht) oder die instrumentale (nach der dieser dem Zugang zum Konsum und damit dem privaten Wirtschaften zu dienen habe) den öffentlichen Raum als politische zwischenmenschliche Konstante?

#Pseudowissenschaftlichkeit: Kann man sagen, der propagandistische Einsatz von Wissenschaft reiche von der Verbrämung mit unüberprüfbaren »repräsentativen« Belegen bis zum reinen Substanzialismus (zum Beispiel von Blut und Boden)? In den Lebenswissenschaften (siehe Biopolitik) und den Kulturwissenschaften ist das Mitspielen der Wissenschaftlerinnen selbst erforderlich und sind kritische Horizonte unerwünscht.

#Referenzlosigkeit: Nicht nur in studentischen Arbeiten in der Lehre zeugen Referenzen wie „Kant 2018“ oder kontextlosen Hyperlinks von einer gewissen Wurzellosigkeit des Geistes. Sowohl in der entstehenden modularen Wissenschaft als auch in den fundamentalistischen Denksystemen breitet sich eine Art von Geschichtslosigkeit aus, die universalistische und totalitaristische Klassifizierungen fördert.

#Totalitarismus: Arendt (1986, 663ff.) legt die Schwelle für die historische Bestimmung des Totalitarismus hoch und benützt dazu das Kriterium der Größe der Bevölkerung der Territorialstaaten. Ist es denkbar, dass in der globalisierten Welt einzelne Lebens- oder Handlungsbereiche schon lange diese Schwelle übertreffen und potenziell die Masse für totalitäre Strukturen bieten? Ist es möglich, dass diese übersehen werden, weil sie feste Bestandteile unserer Alltagskultur sind?

#Wende: Was geht in einem Menschen vor, der sein Auto unterwegs auf einer richtungsgetrennten Schnellstraße wendet und unter Lebensgefahr und Gefährdung des Lebens anderer dem Verkehr entgegenrast? Wieviel ist das Argument wert, beim autonomen Fahren würde so etwas nicht mehr vorkommen? Was ginge in einem AI-Fahrassistent vor, der (oder die?) dasselbe täte?

#Zeitgeist: Die Praxis des Alltags ist von einer Versunkenheit geprägt, der dem Begriff des Zeitgeists nahekommt. Könnte es sein, dass der Zeitgeist eine betäubte Form der Wachsamkeit ist, oder ist er deren Gegenteil, das eingeschläferte Bewusstsein?